Das ganze schrecklich schöne Leben – Interview mit der singenden Psychologin Sarah Straub

Sie kann den „Junimond“ das ganze Jahr aufgehen lassen. Denn Rio Reisers Song ist fester Bestandteil des neuen Programms von Sarah Straub. Für die Psychologin mit Doktortitel ist Musik „Lebenselixir“, und der Rhythmus gehört zum Hier und Jetzt wie der Pulsschlag zum Herzen. In den vergangenen Jahren stand die Trägerin des Deutschen Rock- und Pop-Preises bei großen Festivals unter anderem mit Lionel Richie, Joe Cocker, Spandau Ballet, James Blunt und Anastacia auf der Bühne. Neben eigenen neuen deutschen Kompositionen präsentiert Sarah Straub Klassiker ihrer musikalischen Vorbilder: Darunter auch Konstantin Wecker und Hannes Wader.

Liebe Sarah Straub, zuerst einmal herzlichen Dank für Ihre außergewöhnliche Musik, die ich leider erst kürzlich entdeckt habe. Es hat mich sehr berührt, auf welch wunderbare Art sie deutsche Liedermachertexte interpretieren. Daher die erste Frage: Woher kommt Ihre Liebe zu deutschen Liedermachern?

Sarah Straub: Mich begleitet diese Musik schon ein Leben lang. Und ich habe bemerkt, daß aktuelle Musik, die wir täglich im Radio hören, mich meistens gar nicht erreicht. Das hat viel mit den Texten zu tun. Da fehlt mir oft die Tiefe. Liedermacher wie Konstantin Wecker oder Hannes Wader haben Lieder für die Ewigkeit geschrieben. Diese Lieder sind zeitlos und transportieren eine Botschaft, eine echte Message. Da ich selbst Songwriterin bin, habe ich sehr viel gelernt, als ich begonnen habe, mich mit diesen Liedermachertexten auseinanderzusetzen. Aus Ehrfurcht vor unserer Muttersprache habe ich früher meist englische Texte verfaßt, weil ich es schwierig fand, gute deutsche Texte zu schreiben.

Sie haben ja nicht nur eine fantastische Stimme, Sie spielen auch mehrere Instrumente …

Sarah Straub: Ja, ich stamme aus einer echten Musikerfamilie. Mein Vater ist Dirigent und Instrumentallehrer. Also begann ich schon früh, Instrumente zu lernen. Im Alter von sechs Jahren begann ich mit dem Klavierspiel, mit acht Jahren dann mit Klarinette und Saxophon. Mit zwölf Jahren schrieb ich erste Lieder.
Als Singer-Songwriterin trat ich einige Jahre lang vorwiegend solo oder mit Gastmusikern auf. Parallel dazu habe ich an der Uni Regensburg Psychologie studiert.

Für Ihr Album „Red“ wurden Sie 2014 mit dem Deutschen Rock- und Pop-Preis ausgezeichnet und haben zahllose Konzerte gespielt. Dennoch Sie sind auch weiterhin als Psychologin tätig. Wie bekommt man zwei Hauptberufe unter einen Hut?

Sarah Straub: Es ist schon schwer. Die Musik nimmt inzwischen den meisten Raum in meinem Leben ein. Verbinden kann ich das nur, weil es mein Chef mir ermöglicht. Er weiß, was ich tue und wieviel es mir bedeutet. Ich arbeite in der Demenz-Forschung im Universitätsklinikum Ulm und kann meine Arbeitszeiten relativ flexibel gestalten. Was zwingend notwendig ist, da ich ja auch auf Tour gehe.
Trotz meiner Liebe zur Musik möchte ich meinen Job als Psychologin nicht aufgeben, da ich ihn sehr, sehr gerne mache. Es ist also eine Gratwanderung. Auch wenn ich manchmal denke, daß es nicht mehr funktioniert, bekomme ich es doch immer irgendwie hin.

Um nochmal auf die deutsche Sprache zurückzukommen. Auch Popstars wie Sarah Connor haben ja anfangs nur auf Englisch gesungen. Doch hat man den Eindruck, daß die Musik eine zusätzliche Dimension erschließt, wenn in der Muttersprache gesungen wird. Sehen Sie das ähnlich?

Sarah Straub: Auf jeden Fall! Wenn wir englische Texte hören, haben wir die Barriere der Fremdsprache. Irgendwie klingt dann alles positiv, obwohl es das oft gar nicht ist. Bei deutschen Texten gibt es keinen Filter. Wenn man etwas aussagt, steht es knallhart im Raum. Ich habe es lange nicht gewagt, auf Deutsch zu texten. Inzwischen fällt es mir leichter. Vor allem Konstantin Wecker hat mir dabei geholfen. Er ist nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch ein echter Poet. Seine  Lieder haben eine außergewöhnliche Tiefe. Wenn ich sie interpretiere, gehen sie mir durch Mark und Bein. Ich fühle seine Lieder sehr – oft kann ich irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob ein Text von mir selbst stammt oder von ihm. (lacht)

Sie haben ja ein ganzes Album mit Konstantin-Wecker-Texten gemacht. Wie kam der Kontakt zustande?

Sarah Straub: Ich habe Konstantin Wecker 2016 auf einem Festival kennengelernt. Später habe ich eines seiner Lieder auf meine Art interpretiert, und Konstantin Wecker war sehr angetan. Er gab mir weitere Lieder und wollte herausfinden, wie diese sich verändern, wenn sie mit weiblicher Stimme gesungen werden. So kam die Idee zu einem Album mit seinen Titeln.
Ich kann es nicht anders beschreiben: Wenn ich Lieder von Konstantin Wecker, Rio Reiser oder Hannes Wader spiele, fühle ich mich einfach zu Hause. Darum kommen die Menschen auch so gerne auf meine Konzerte, weil sie spüren, wie nah mir diese Musik geht. Und daß die Art, wie ich sie interpretiere, eine andere Facette des Liedes zum Vorschein bringt.

Echte deutsche Liedermacher sind ja eine Art aussterbende Spezies. Dabei sind sie es doch, die auf gesellschaftliche Probleme oder politische Irrwege hinweisen. Musiker, die wie Bob Dylan, Joan Baez, Reinhard Mey oder Hannes Wader für den Weltfrieden singen, werden kaum noch im Radio gespielt. Man bevorzugt „Unterhaltungsmusik“ …

Sarah Straub: Ja, das ist so schade. Denn Musik ist auch dazu da, der Welt den Spiegel vorzuhalten. So wie die Kunst im Allgemeinen. Darum sind Liedermachertexte auch nicht immer leichte Kost. Denn das Leben hat auch Schattenseiten. Und nicht alles ist Party, Weiber und Bier. Darum finde ich es ganz großartig, wenn man bei einem Konzert auf eine Reise mitgenommen wird und auch einmal etwas Schwermütiges kommt. Doch selbst, wenn man ernste oder gar schwermütige Lieder hört, ist man danach trotzdem nicht unglücklich. Man lernt etwas dazu, wenn der Text eine echte Botschaft vermittelt.

Das geht natürlich nur, wenn man den Text auch versteht. Wir lassen uns aber meist von Fremdsprachen berieseln. Ich habe einmal eine interessante psychologische Studie gelesen, bei der es um die Frage ging, warum wir bevorzugt ausländische, meist englische Texte hören. Und die Kernaussage war, daß wir in Deutschland noch immer unter einer Art Trauma leiden. Denn lange Zeit – vor allem Mitte des letzten Jahrhunderts – waren wir einer deutschsprachigen Propaganda ausgesetzt, die schlimme Folgen hatte. Sie sind ja selbst Psychologin – klingt das plausibel?

Sarah Straub: Ja klar! Teilweise verdrängen wir noch heute die vielen Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs. Und auch juristisch wurde vieles erst Jahrzehnte später aufgearbeitet. Man denke nur zurück: Der Krieg war aus, und plötzlich war keiner mehr Nazi. Die Täter waren wie durch ein Wunder alle vom Erdboden verschwunden. (lacht) Kaum einer wollte sich mehr mit der Vergangenheit beschäftigen. Die Schlagermusik der Fünfziger Jahre besingt eine heile Welt. Und das hat sich in der Schlagermusik auch bis heute nicht geändert: Friede, Freude, Eierkuchen … 

Ja, man tritt in eine Scheinwelt ein, die für ein paar Stunden Erleichterung verspricht. Derzeit läuft ja Ihre „Alles das und mehr“ – Tour. Wie sieht Ihre weitere Zukunftsplanung aus?

Sarah Straub: Neben meinen eigenen Konzerten bin auch immer wieder mit Konstantin Wecker unterwegs. Es gibt ja Lieder, die wir im Duett singen. Zudem habe ich den Winter genutzt, um eigene deutsche Lieder zu schreiben. Das erste erscheint im Sommer, worauf ich mich schon sehr freue.
Derzeit lasse ich mich noch von den Liedermachertexten meiner musikalischen Vorbilder tragen. Und ich hoffe, daß diese zeitlose Musik weiter lebt und uns den Spiegel vorhält. Und Lieder für den Frieden sind heute wichtiger dennje.

Liebe Sarah Straub, herzlichen Dank für Ihre ehrlichen Worte. Und weiterhin viel Erfolg in beiden Berufen.

Das Interview führte
Michael Hoppe

Weitere Informationen:
www.sarah-straub.de