Die Folgen der Smartphone Epidemie – Interview mit dem Bestsellerautor und Digitalisierungskritiker Prof. Manfred Spitzer

Seit vielen Jahren befaßt sich Manfred Spitzer mit den gesundheitlichen Auswirkungen unseres Medienkonsums. Der Psychiater, Hochschullehrer und Buchautor ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, an der er auch die Gesamtleitung des 2004 dort eröffneten Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) innehat. Und während die Politik auf PC-Unterricht für Kleinkinder setzt, vertritt er die Ansicht: Je mehr Geld in die Digitalisierung der Kitas und Schulen investiert wird, desto mehr läßt die Intelligenz der Kinder nach.

Lieber Herr Professor Spitzer, Sie haben zahlreiche Bücher über den unkontrollierten Medienkonsum und dessen ungesunde Folgen geschrieben. In Ihrem Buch „Smartphone Epidemie“ sprechen Sie gar von Millionen von „Smartphone-Toten“ weltweit. Warum macht zu viel Smartphone krank? Und kann es – in Anbetracht der aktuellen globalen, digitalen Entwicklung – noch Heilung geben?

Prof. Manfred Spitzer: Die medizinische Fachliteratur zeigt: Smartphones verursachen Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Demenz, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, Diabetes, Bluthochdruck und ein erhöhtes Risikoverhalten beim Geschlechts- und Straßenverkehr: Die Nutzung von sogenannten Geo-social Networking Apps fördert täglich millionenfachen Gelegenheitssex und damit eben auch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten.

Was den Straßenverkehr anbelangt, so wissen die Wenigsten, daß Smartphones mittlerweile bei jüngeren Verkehrsteilnehmern den Alkohol als Unfallursache Nummer 1 abgelöst haben. Nimmt man alles zusammen, sind tatsächlich Milliarden von Menschen betroffen. Ich würde hier nicht von „Heilung“ sprechen, sondern davon, daß wir eine unabhängige und ernsthafte Technikfolgenabschätzung brauchen. Die gibt es weltweit bis heute zum Smartphone nicht.

Ich kann mich noch an eine Studie Mitte der 1990er-Jahre in Österreich erinnern, die zu dem Schluß kam, daß sich – durch exzessives Mobiltelefonieren – die Zahl der Gehirntumore in den kommenden Jahren um 100% erhöhen wird. Als Lösung schlug man von politischer Seite vor, die Zahl der Studienplätze für zukünftige Gehirnchirurgen ebenfalls zu verdoppeln. Wie so oft wurde nicht das Problem behoben, sondern eine „Scheinlösung“ angeboten. Ist die Politik von Haus aus betriebsblind? Und warum wird immer erst reagiert, wenn es schon zu spät ist?

Prof. Manfred Spitzer: Vorab: Ob die Nutzung von Mobiltelefonen eine Zunahme von Hirntumoren verursacht, ist aus meiner Sicht bis heute nicht endgültig geklärt. Daß man mehr Gehirnchirurgen ausbilden will, um dem zu begegnen, wäre etwa so, als würde man mehr Internisten und Neurologen ausbilden, um Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck sowie Schlaganfälle und Herzinfarkte zu bekämpfen, die das Smartphone verursacht. Wenn man sonst nichts macht, ist das zynisch!

Trotz vieler mahnender Stimmen hat die Bundesregierung beschlossen, Milliarden zu investieren und Schulen und Kitas mit Computern und Tablets auszustatten. Man wirbt mit „KitaPads“, inkl. kreativer Kindergarten-Apps. Menschliche Lehrer werden durch Algorithmen ersetzt. Sie haben in einem Interview die Aussage gemacht: Je mehr in die Digitalisierung der Schulen investiert wird, desto mehr läßt die Intelligenz der Schüler nach. Wie paßt das zusammen?

Prof. Manfred Spitzer: Gar nicht! Erklären läßt es sich nur durch den unglaublichen Lobbyismus der reichsten Firmen der Welt – Amazon, Apple, Facebook, Google, Microsoft – , die allesamt von Digitaltechnik leben. Im Kindergarten- und Grundschulalter schaden digitale Medien nachweislich der geistigen Entwicklung von Kindern. Wer dort Tablets ausgibt, handelt verantwortungslos.

Daß die Digitalisierung von Schulen dem Lernen schadet, habe nicht ich gefunden, sondern das bestätigen nahezu alle Studien, die dazu gemacht wurden. Eine Auswertung der PISA-Ergebnisse aus 10 Jahren an hunderttausenden von 15-jährigen Schülern aus über 50 Ländern hat tatsächlich klar ergeben: je mehr in einem Land in Computer und Internet an Schulen (pro Kopf Schüler) investiert wurde, desto schlechter wurden die Leistungen der Schüler in diesem Land im Verlauf der 10 Jahre.

Eine etwas provokante Frage! Wer erzieht derzeit unsere Kinder: Die Eltern, die Lehrer oder Silicon Valley?

Prof. Manfred Spitzer: Ich hoffe, die Eltern. Lehrer sind für die Bildung zuständig, wozu auch „Herzensbildung“ und Sozialverhalten gehört. Wenn wir die Gesundheit und die Bildung unserer Kinder tatsächlich den Profitinteressen von Firmen aus Silicon Valley überlassen würden, dann versündigten wir uns an unseren Kindern. Das dürfen wir nicht tun!

Auch das Thema „Einsamkeit“ bearbeiten Sie in einem Ihrer Bücher. Ganz offensichtlich führt zuviel digitaler Medienkonsum zur Vereinsamung und zur Flucht in virtuelle Welten. Auch die Selbstmordrate steigt. In japanischen und südkoreanischen Großstädten sind angeblich über 30 % der Bevölkerung „internetsüchtig“. Immer mehr junge Menschen leben in kompletter Isolation: Man verläßt die Wohnung nicht mehr, heiratet „Manga-Puppen“ oder virtuelle Partner, die nur im Computer existieren. Werden wir das auch hierzulande erleben?

Prof. Manfred Spitzer: Ich hoffe nicht, und ich bin sogar optimistisch: Der Cambridge-Analytica-Skandal vom Frühjahr 2018 machte weltweit sichtbar, wie groß politische Schäden (Brexit, Trump) durch Daten-Diebstahl, -Manipulation und -Verbreitung via Smartphone und Facebook seitens politischer Gegner sein können. Und im Herbst 2018 organisierte ein 7-Jähriger in Hamburg eine Demonstration dafür, daß Eltern mehr auf ihre Kinder und weniger auf ihre Smartphone achten sollten.

Ende 2018 gab es eine Umfrage, der zufolge 60% der 14- bis 24-Jährigen den digitalen Medien eher kritisch gegenüberstehen. Bei der gleichen Umfrage im Jahr 2014 waren die meisten Menschen in diesem Alter – dem Alter der stärksten Nutzung – noch sehr unkritisch und begeistert. Es hat sich also etwas getan!

Auch das Jahr 2019 fing aus dieser digital-kritischen Sicht gut an mit der Veröffentlichung gehackter privater Daten von Politikern und anderen Personen und der dadurch verursachten Medienaufmerksamkeit: In der Tagesschau wird vermeldet, daß sich der Grünen-Politiker Habeck von Twitter und Facebook verabschiedet hat. Und es wird auf „Tagesschau-online“ verwiesen, wo erklärt wird, wie das jeder Zuschauer/Bürger ebenfalls tun kann. Insgesamt gibt es sehr viele Anzeichen dafür, daß es bei uns nicht so schlimm kommen muß wie in Fernost oder den USA.

Auch wenn Sie häufig für Ihre Thesen kritisiert werden, so ist der mediale Einfluß auf unsere Gesellschaft nicht mehr zu übersehen. Vor allem, was die fehlende Empathie angeht. Wer hätte sich vor zwanzig Jahren vorstellen können, daß man bei Autounfällen die Verletzten oder Sterbenden filmt, anstatt ihnen menschlich zur Seite zu stehen. Oder daß Schaulustige dem Notarzt den Weg versperren. Aus Mitmenschen werden „halbvirtuelle Objekte“ – und das „Selfie“ ist die neue Religion. Was können wir dieser Entwicklung entgegensetzen?

Prof. Manfred Spitzer: Naturerleben, Musik (selber machen!), wirkliche Kontakte, Theaterspielen, Sport (selber machen!) und jegliches Tun mit den Händen (zeichnen, malen, bauen, basteln etc.). Es gibt schon sehr viele, vor allem junge Menschen, die sich dem Hype entgegenstellen und beispielsweise ganz bewußt kein Smartphone haben und Computer bzw. Internet nur als Werkzeuge benutzen und nicht zur einsamen Freizeitgestaltung.

In unserem letzten Heft hatten wir Gisela Meyer im Interview, die – nachdem ihre Tochter vor 10 Jahren bei einem Amoklauf zu Tode kam – die „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ ins Leben rief. Heute werden PC-Killerspiele mit Steuergeldern gefördert mit dem Argument, sie seien ein wichtiges Kulturgut. Was lösen solche politischen Entscheidungen in Ihnen aus?

Prof. Manfred Spitzer: Ganz ehrlich: Ärger und Wut! Denn Kultur ist niemals einfach nur das, was Menschen machen (dann wären Pornographie und sogar Kinderpornographie auch Kultur), sondern immer auch das, was sie machen sollten. Diesen normativen Aspekt kann man schon gar nicht leugnen, wenn es um das Ausgeben von öffentlichen Geldern geht.

Wir fördern, was Kindern und Jugendlichen gut tut, und nicht einfach alles, was Kinder und Jugendliche tun. Die negativen Auswirkungen von Computerspielen sind hinlänglich bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen. Bei den vermeintlich positiven Auswirkungen handelt es sich um Fake-News und Hype, der durch eine milliardenschwere Lobby befeuert wird.

Je mehr wir uns von der Natur entfernen, desto orientierungsloser wird unsere Gesellschaft. Dem Menschen selbst traut man kaum noch etwas zu. Das Ziel scheint einer Art computeroptimierter „Cyborg“ zu sein. Der renommierte Schweizer Think Tank Gottlieb-Duttweiler Institut (GDI) sieht die Entwicklung so: „Algorithmen nehmen uns immer öfter das Suchen, Denken und Entscheiden ab. Sie analysieren die Datenspuren, die wir erzeugen, entschlüsseln Verhaltensmuster, messen Stimmungen und leiten daraus ab, was gut für uns ist und was nicht. Algorithmen werden eine Art digitaler Schutzengel, der uns durch den Alltag leitet und aufpaßt, daß wir nicht vom guten Weg abkommen.“ Für mich klingt das wie eine Horrorvision. Leben wir bereits in der „Schönen Neuen Welt“?

Prof. Manfred Spitzer: Noch haben wir das selbst in der Hand: Ich möchte nicht den Spion Alexa im Wohnzimmer haben, verzichte auf „Rabattkarten“ und zahle damit dafür, daß mein Verhalten nicht ausspioniert wird. Ich bin nicht in sozialen Online-Medien und gebe daher mein Persönlichkeitsprofil nicht preis, und ich bin vorsichtig, was Einkäufe im Internet angeht. Ich glaube auch weder an den „digitalen Schutzengel“ noch an das „ewige Leben in der Cloud“, wie es von manchen „Transhumanisten“ proklamiert wird. Das ist alles Hype, mit dem wir abgelenkt werden von dem, worum es eigentlich geht: Noch mehr sinnloser und grenzenloser Konsum.

Zum Abschluß noch das Thema „5G“. Da es angeblich zur Digitalisierung keine Alternative gibt, wird inzwischen das flächendeckende Mobilfunknetz propagiert. Alle 100 Meter soll zukünftig eine Sendeanlage stehen, die uns mit Mikrowellen bestrahlt. Auch bei diesem Thema scheiden sich bekanntlich die Geister. Während die Politik die wirtschaftliche Notwendigkeit von „5G“ propagiert und keinerlei gesundheitliche Risiken sieht, warnen Ärzte vor den unabsehbaren Folgen. Wie sehen Sie diese Thematik? Wird die „Digitale Demenz“ durch „5G“ weiter fortschreiten? Oder können wir uns davor schützen?

Prof. Manfred Spitzer: Nach meiner Kenntnis gibt es zur Gefährlichkeit von 5G für den Menschen noch kein abschließendes wissenschaftliches Urteil, weswegen ja auch einige Städte in Europa den Ausbau nicht vorantreiben. Was man bei der Digitalisierung bislang völlig ausgeblendet hat: Der derzeit am schnellsten wachsende Produzent von Treibhausgasen ist – das Internet!

Wöchentlich demonstrieren Kinder und Jugendliche der Fridays for Future Bewegung gegen den Ausstoß von Kohlendioxid und die damit verbundene Erderwärmung. Sie müßten dann aber auch gegen Youtube, Netflix, das Skypen und gegen die Einführung neuer Game-Streaming Dienste wie Stadia von Google demonstrieren, denn all dies produziert Kohlendioxid und erwärmt die Erde. Eine Gruppe französischer Wissenschaftler hat vor kurzem publiziert, daß die Produktion und die Benutzung von digitaler Infrastruktur etwa 4 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen.

Etwa ein Drittel des Datenverkehrs im Internet macht das Streamen von Videos (Netflix) aus, ein weiteres Drittel geht auf das Konto von Internet-Pornographie. Skypen und Gamen kommen noch oben drauf. Je hochauflösender das alles funktioniert, desto größer ist auch der Energieverbrauch und damit der „ökologische Fußabdruck“, oder wie man auf Englisch sagt: der „carbon footprint“.

Der Beitrag des Internets zum globalen Treibhaus-Effekt erscheint vergleichsweise „klein“, liegt er doch „nur“ bei einem Achtel des Beitrags des Straßenverkehrs. Nachdenklich stimmt jedoch die Tatsache, daß der Anteil des Straßenverkehrs (langsam) sinkt, wohingegen der des Internets rasch ansteigt. Immer feiner sind die Video-Bilder aufgelöst, und ruckelten sie früher zuweilen etwas, so sind die Verbindungen heute so schnell (und werden „dank“ 5G noch viel schneller), daß nichts mehr ruckelt.

Für 2025 prognostizieren die Wissenschaftler daher eine Verdopplung der Treibhausgas-Produktion durch das Internet auf dann 8 Prozent. Damit nähert sich sein ökologischer Fußabdruck dem des weltweiten Flugverkehrs. Vielleicht verbünden sich bald die 7-Jährigen mit den 16-Jährigen und demonstrieren gemeinsam gegen 5G, die Digitalisierung der Schulen und die Erderwärmung – also für eine bessere Welt!

Lieber Herr Professor Spitzer, ganz herzlichen Dank für Ihre wie immer klaren und deutlichen Worte.

Das Interview führte Michael Hoppe