Die Kälte darf nicht siegen! – Interview mit der Initiatorin der „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ Gisela Mayer

© Stiftung gegen Gewalt an Schulen

Zehn Jahre ist es nun her, seit der Amoklauf in Winnenden sich wie eine unheilbare Wunde in die Seelen vieler betroffener Menschen eingebrannt hat. Es gibt Schicksalsschläge, die so erschütternd sind, daß sie unser ganzes Dasein überschatten. Und in einer gewalttätigen und kriegerischen Welt wie der unseren sind Abermillionen Menschen von solchen Tragödien betroffen. Doch jeder reagiert anders darauf. Während die einen für alle Zeit in Trauer und Leid versinken, nehmen andere sie zum Anlaß, um über sich hinauszuwachsen. Wie Gisela Mayer, deren Tochter am 11.3.2009 zu den Amoklauf-Opfern zählte. Sie gründete – gemeinsam mit anderen Betroffenen – die „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ und klärt seitdem darüber auf, wie wir solche Wahnsinnstaten zukünftig vermeiden könnten.

 

Liebe Frau Mayer, glauben Sie an Vergebung?

Gisela Mayer: Ja, ich glaube auf jeden Fall an Vergebung. Wobei Vergebung ein Prozeß ist. Für mich selbst war der Tod meiner Tochter anfangs wie eine Art Unfall. Mir bewußt zu machen, daß hier ein Mensch dahinterstand, der – aus welchem Grund auch immer – bewußt beschlossen hatte, andere Menschen und sich selbst zu töten, war mir damals noch nicht möglich. Das hätte ich nicht ertragen. Allein der Gedanke weckte in mir eine unerträgliche Wut, darum habe ich ihn ganz lange nicht zu denken gewagt.

Erst viele Monate später, beim Gerichtsprozeß, wurde mir so richtig klar, daß es einen „Täter“ gibt. Daß hier ein menschliches Wesen einen Entschluß gefaßt hat, morgens aufgestanden ist, sich eine Waffe und Munition geholt hat und zur Schule gegangen ist, mit dem Willen zu töten – und dann auch getötet hat.

Der Täter hat sich ja – so absurd es klingt – an wildfremden Menschen für sein eigenes Schicksal gerächt. Hatten Sie auch Rachegedanken?

Gisela Mayer: Nein. Ich habe immer gespürt, daß der Rachegedanke mich nicht weiterbringt. Dem Täter zu wünschen, dasselbe zu erleben, hätte meinen Schmerz nicht weggenommen. Es wäre wohl in der Summe mehr Schmerz in der Welt gewesen – mir hätte das jedoch nichts gebracht. Und es ist ja die Essenz eines Vergebungsprozesses, daß man völlig unabhängig vom Täter wird.

Dennoch wollte ich wissen, wer dieser Mensch war. Ich wollte wissen, was ihn angetrieben hat. Und ich fand heraus, daß er ein bedauernswertes Wesen war, das niemals in seinem Leben erfahren durfte, wie schön das Leben ist, wie wunderbar reich es sein kann, was Liebe bedeutet, was die Wärme des Lebens ist. Heute ist meine Überzeugung, daß er wohl instinktiv spürte, daß es mehr gibt, aber gleichzeitig empfand, daß er es nicht hat. Sein Leben war deshalb voll Wut, Haß und Unzufriedenheit. Das ist ein unendlich starker Impuls. Man möchte das, was man selbst nicht haben kann, gewissermaßen vernichten.

Daher ist Rache bei einem solchen Menschen nicht angebracht, sondern eher Bedauern. Man müßte ihm sagen: Du weißt gar nicht, wen oder was du getötet hast, denn du hast selbst nie wirklich gelebt.

Sie sind studierte Philosophin und Ethiklehrerin. Wie ist Ihre Vorstellung: Leben wir nur einmal? Oder ist das Leben ein ewiger Entwicklungsprozeß, der mit dem Tod nicht endet?

Gisela Mayer: Die Antwort ist nicht so ganz einfach. Für mich ist das irdische Leben ein einmaliges Ereignis. Ich neige nicht zu der Lehre der Wiedergeburt, wie sie der Buddhismus oder der Hinduismus kennt. Auf der anderen Seite jedoch ist mir klar, daß Leben niemals vergeht. Das ist für mich das Wunder der Schöpfung. Wir versuchen zwar, Leben künstlich zu erzeugen, es wird uns jedoch niemals gelingen.

Das, was Leben wirklich ausmacht, das ist Schöpfung. Über das jenseitige Leben, also das, was nach dem irdischen Tod geschieht, wissen wir nichts. Wir sehen es nur aus der Perspektive des jetzigen irdischen Daseins. Darum möchte ich darüber auch nicht spekulieren. Es ist jedoch meine persönliche Überzeugung, daß dieses Wunder Leben, dieses Belebtsein, Beseeltsein, sich niemals in ein Nichts auflösen kann. Es ist lediglich einem Veränderungsprozeß unterworfen. In welcher Weise dieser stattfindet, weiß ich nicht.

Eine Bekannte erzählte uns einmal, daß sie vor einigen Jahren den Dalai Lama kennengelernt hat. Nach der Beerdigung eines guten Freundes fragte sie ihn, warum gerade diesen noch so jungen Menschen ein so schweres Schicksal ereilt hat. Die Antwort des Dalai Lama war: „Frage nie „warum“ – du wirst keine Antwort erhalten!“ Stimmen Sie dem zu? Führt allzuviel „warum“ zum Stillstand?

Gisela Mayer: Ja. Das „Warum“ ist eindeutig blockierend. Ich selbst habe mir diese Frage nie gestellt. Das Warum würde ja, wenn es eine Antwort gäbe, voraussetzen, daß alles schön ordentlich aufgereiht und nach logischen Gesetzen ablaufen würde. Daß zu jeder Handlung eine Ursache und ein Grund gehört, und daß auch ein Täter einen Grund hat für sein Handeln. Und wenn wir den Grund verstanden haben, dann verstehen wir auch den Täter. Das ist völliger Blödsinn!
Leben und menschliches Handeln ist viel reicher als dieser Ablauf von Logik. Deshalb ist es absolut richtig, was der Dalai Lama sagt. Stellen wir die Frage „warum“ besser nicht!

In unserer westlichen Welt ist ja die Opferrolle inzwischen so etwas wie ein neues Statussymbol geworden. Es wird kollektiv gejammert, wir bedauern uns gegenseitig, und die Verantwortung für unser Leben geben wir gerne an Dritte ab. Sie haben am 11.3.2009 Ihre Tochter verloren. Warum sind Sie nicht in die Opferrolle geschlüpft, sondern an die Öffentlichkeit gegangen?

Gisela Mayer: Es gibt einen ganz rationalen und sachlichen Grund, der gar nichts mit meinem persönlichen Empfinden zu tun hat, sondern mit einer simplen Fragestellung: Da ist ein Mensch losgezogen und hat andere Menschen umgebracht. Wie können wir so eine Tragödie zukünftig verhindern? Das war mein Impuls, dieser Sache nachzugehen, mich mit Wissenschaftlern zusammenzutun und an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn mir war klar: es muß etwas passieren!

Wir sind ja nicht in den USA, daß wir einfach zuschauen, einen Zaun um die betroffene Schule bauen und die Lehrer bewaffnen. Wie das ja teilweise praktiziert wird nach dem Motto: ich bringe den Lehrern das Schießen bei, dann sind die Schüler sicher. Wir wollten einen sinnvollen Weg gehen, mit einer vernünftigen und rationalen Vorgehensweise.

Das ist das eine. Das andere ist die Überzeugung, daß ich niemals die Mutter eines „Opfers“ war. Ich war die Mutter einer Tochter, die gelebt und geliebt hat. Und sie war nur eine Zehntelsekunde ihres Lebens „Opfer“ – nicht länger! Doch das Leben ist soviel mehr, soviel reicher. Und genau das sollte lebendig gehalten werden. Und die Opferrolle, daß man sich zurückzieht und zufrieden ist mit dem Mitleid, das einem zuteil wird, war mir niemals genug.

Ich war anspruchsvoller und habe gesagt: Es reicht nicht, daß wir uns gegenseitig bedauern. Und daß wir – immer wenn etwas geschieht – in dasselbe Lamento verfallen. Es tut uns furchtbar leid um die armen Kinder, oder um die armen Eisbären, die gerade aussterben, oder um andere Arten, die vom selben Schicksal betroffen sind. Aber – es tut uns eben nicht leid genug, daß wir unser eigenes Verhalten ändern! Und das ist eine Haltung, die ich schlicht nicht akzeptiere.

Das paßt genau zu unserer nächsten Frage. Jetzt haben wir nach der Schreckenstat in Winnenden zehn Jahre über Gewaltphänomene und die Verrohung der Gesellschaft diskutiert, doch was hat sich seitdem zum Positiven verändert? Ihr Lebensthema ist ja die Menschlichkeit. Hätten Sie sich 2009 vorstellen können, daß im Jahre 2019 Menschen in unserem Lande ein Unfallopfer beim Sterben filmen, anstatt ihm erste Hilfe zu leisten?

Gisela Mayer: Genau das ist ja die Aufforderung, noch mehr zu tun. Denn so etwas geschieht, wenn die Menschen ihre Menschlichkeit verloren haben. Die Haltung, unsere Mitmenschen quasi als „Objekt“ zu betrachten, das wir filmen, und nicht als „Menschen“, ist ein Schritt hin zum dem, was man aus christlicher Sicht „Sünde“ oder „das Böse“ nennt. Zu vergessen, daß der andere ein Mensch ist wie wir selbst.

Ich bin ja auch Ethiklehrerin. Die Grundlage für alles, was wir unter Ethik verstehen, ist das Anerkennen aller Lebewesen als das, was wir selbst sind. Wenn wir das nicht mehr leisten, dann haben wir – im wahrsten Sinne des Wortes – den Boden unter den Füßen verloren. Und da ist noch ein Satz, der sich mit sehr eingeprägt hat, daß wir nämlich als Menschheit dabei sind, „uns selbst abzuschaffen“ …

Das ist der Buchtitel eines unserer früheren Interviewpartner, nämlich von Harald Lesch, der ja auch vor dem menschlichen Selbstzerstörungstrieb warnt. Aber um sich selbst zu motivieren, sollte man sich doch besser an dem lutherschen Apfelbäumchen orientieren, das es – egal wie prekär die Lage ist – jeden Tag zu pflanzen gilt, oder?

Gisela Mayer: Auf jeden Fall! Nur wer motiviert ist, kann etwas zum Besseren bewegen.

Womit wir beim Thema Motivation wären! Die „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ setzt sich für ein gewaltfreies Miteinander ein. In Ihrem Buch „Die Kälte darf nicht siegen“ thematisieren Sie auch den Einfluß von Killerspielen und Gewaltvideos, die viele junge Menschen abstumpfen lassen. Vor wenigen Wochen hat unsere Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, verkündet, daß auch gewalthaltige Computerspiele ein „Kulturgut“ seien und der Spielemarkt zukünftig mit dreistelligen Steuer-Millionenbeträgen gefördert werden wird. Sind Politiker von Haus aus betriebsblind? Und was löst eine solche politische Entscheidung in Ihnen aus?

Gisela Mayer: Ich habe es auch gelesen und den Kopf geschüttelt und mir gesagt: Es gibt Menschen, die haben nichts, aber auch überhaupt nichts verstanden von dem, was Leben und vor allem menschliches Leben ausmacht. Das sind diejenigen, die dann irgendwann vor einem Scherbenhaufen stehen, bedauernd mit den Schultern zucken und sagen: „Das haben wir nicht gewollt! Man konnte es aber leider nicht voraussehen.“

Derartige Menschen hat es immer gegeben, und ihnen verdanken wir Kriege und anderes Unrecht. Ihnen fehlt einfach der Blick für vorne und hinten und für die fundamentalen Tatsachen des Lebens.
Und um auf die politische und finanzielle Förderung für Computerspiele zurückzukommen: Die spannende Frage ist, was diese Förderung wirklich bringen soll und worin das „Kulturgut“ besteht? Und was junge Menschen denn genau lernen sollen, wenn sie diese Spiele spielen?

Ja, politische Entscheidungen zu verstehen, ist nicht immer leicht. Teilweise sogar unmöglich. Aber wir wollen ja beim Positiven bleiben. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren viel Präventionsarbeit geleistet. Wie haben Sie diese Jahre erlebt? Und hat sich die Mühe gelohnt?

Gisela Mayer: Ja! Ganz klar: Ja! Als Betroffene gilt für mich: Wenn ich nur einen Einzigen erreichen kann, dann hat sich jede Mühe gelohnt. Es ist sicher so, daß die Mehrheit in unserem Lande anders denkt als wir. Und doch kommt unsere Botschaft an, und es wird immer mehr Menschen klar, worauf wir achten müssen, wenn wir uns nicht selbst verlieren wollen. Und genau auf diese Menschen baue ich. Denn auch diese Menschen wirken in ihrem Kreis. Darum haben wir ja den Satz für unsere Arbeit gewählt: „Haltung verändern, weil Haltung verändert!“

Wenn wir es also schaffen, die Haltung einiger Weniger zu verändern, dann werden diese auch andere Menschen inspirieren. So denken wir heute! In den ersten vierzehn Tagen unseres Projektes haben wir sicher noch geglaubt, daß wir mehr erreichen können. Irgendwann haben wir diesen Glauben jedoch aufgegeben.

Auch den Glauben an die großen Versprechungen der Politik haben wir sehr schnell wieder beerdigt. Es wird von dort wenig nachhaltige Hilfe kommen. Nur wenn Menschen wirklich verstanden haben, worum es eigentlich geht und wie wichtig es ist, etwas zu tun, bewegt sich etwas. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Ja, es hat sich gelohnt! Wir haben die Menschheit zwar nicht umgekrempelt, aber viele Menschen erreicht.

Sie haben es mit vielen jungen Menschen zu tun. Wie erleben Sie die „Jugend 2019“? Es wurde ja befürchtet, daß es die Smartphone-Generation irgendwann vorzieht, nur noch in virtuellen Welten zu leben. Doch plötzlich gehen viele Jugendliche für eine bessere Zukunft auf die Straße. Findet hier ein Umdenken statt?

Gisela Mayer: Die Jugend ist sehr viel besser und klüger, als man gemeinhin denkt. Zuerst hat man kritisiert, daß sie kein politisches Interesse zeigen und sich nur für den eigenen Bauchnabel interessieren. Jetzt kritisiert man sie dafür, daß sie freitags nicht zu Schule gehen.

Ich sehe das ganz anders. Unsere Stiftung hat 2019 ein Projekt durchgeführt, das längst überfällig war. Wir haben die jungen Menschen befragt, die sonst nicht zu Wort kommen. Vor allem, wenn es um Themen wie Gewalt und Amokläufe geht. Ihre Einstellung zur Gewalt hat uns interessiert. Was ist für sie gewalttätig? Wie stehen sie dazu? Und was wünschen sie sich diesbezüglich?

Wir haben sie aufgefordert, auf allen kreativen Wegen dazu Stellung zu nehmen, sei es im Kunstunterricht, in Form von Texten und Videos, was auch immer. Es ist unglaublich, was für Ergebnisse wir bekommen haben. Es ist unendlich beeindruckend, was diese jungen Menschen gestaltet und uns zugesandt haben. Wir haben inzwischen einen Sammelband entwickelt und werden jetzt ein weiteres Jahr sammeln. Ich bin sehr beeindruckt und halte sehr viel von den jungen Menschen in unserem Land.

Um zum Abschluß nochmal auf Ihr Buch „Die Kälte darf nicht siegen“ zurückzukommen. Darin stellten Sie ja die Frage: „Was muß sich in unserer Gesellschaft ändern, damit wir zukünftig menschlicher denken, fühlen und handeln?“ Heute, fast zehn Jahre nach dem Erscheinen, stelle ich Ihnen nochmals dieselbe Frage: „Was muß sich ändern?“

Gisela Mayer: Zuallererst sollten wir den jungen Menschen vertrauen, denn die gestalten unsere zukünftige Welt. Noch wichtiger jedoch ist, daß wir – und damit meine ich vor allem die Entscheidungsträger – endlich Verantwortung übernehmen. Immer ist angeblich jemand anderes verantwortlich oder „schuld“.

Natürlich gibt es Dinge, die wir nicht verändern können – doch für alles, was wir verändern können, tragen wir die Verantwortung! Und zwar zu 100 %! Das sind also zwei Botschaften: Nehmen wir endlich die Verantwortung an, und drücken wir uns nicht ständig mit Ausreden davor! Und zweitens: Vertrauen wir der Jugend!

Liebe Frau Mayer, das ist ein wunderschöner Schlußsatz! Wir bedanken uns für Ihr Engagement und wünschen Ihnen für Ihre weitere Arbeit alles Gute!

Das Interview führt Michael Hoppe

Weitere Informationen:
www.stiftung-gegen-gewalt-an-schulen.de