ES LEBE DIE EINFACHHEIT

Denn: der Erleuchtung ist es egal, wie Du sie erlangst.

 Die Welt wird immer komplexer und komplizierter, vor allem für Sinnsucher. Jedes Jahr erscheinen alleine in Deutschland 200.000 neue Bücher – ein Großteil davon sind „absolut unverzichtbare“ Lebensratgeber. Dazu kommen die zahllosen Religionen und Philosophien mit ihren zahllosen Dogmen, Regeln, Ritualen und Erlösungsformeln. Wer soll da noch durchblicken? So kann es bei der Sinnsuche heutzutage leicht geschehen, daß wir im Ozean der „spirituellen Angebote“ die Übersicht verlieren oder gar rettungslos darin ertrinken. Dabei behaupten die meisten Weisheitslehrer, daß im Grunde alles ganz einfach ist …

Als ich 1984 – als damals 20jähriger – den Beratungsraum der Universität Stuttgart verließ, war ich völlig desillusioniert. Ich hatte mein Abitur gemacht, war auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und wollte Philosophie studieren! Auf meine sehnsuchtsvollen Fragen entgegnete mein „potentieller“ Philosophie-Professor: „Sinn? Welcher Sinn? Es geht hier um Philosophie! Zuerst einmal mußt du Latein, Altgriechisch und Althebräisch nachlernen, damit du die wichtigsten philosophischen Werke im Original lesen kannst. Das dauert in etwa zwei bis drei Jahre – wenn du jeden Tag zehn Stunden lang Vokabeln übst. Dann kommen weitere vier bis fünf Jahre für das Lesen und Studieren der verschiedenen Bücher hinzu. Wenn das Studium dann beendet ist, weißt du zwar immer noch nichts – doch du weißt zumindest, warum du nichts weißt. Und dann geht es erst richtig los. Du mußt … blablabla …“ Halleluja!

Die ewige Sinnsuche
Die Sinnsuche hat schon manchen Sucher in tiefe Verzweiflung versetzt. Vor allem, wenn er der Illusion Glauben schenkt, zuerst einmal „alles“ bisher Erdachte und Niedergeschriebene absorbieren, respektive lesen und verstehen zu müssen, ehe er mit „seinem Weg“ beginnen kann. Die globalen Bibliotheken sind randvoll mit philosophischen Werken, theologischen Gedanken und individuellen Lebensinterpretationen. Und es werden täglich mehr! So suggeriert uns diese Fülle und Vielfalt, daß der Weg zur Erleuchtung unermeßlich weit sein muß und daß uns zum wahren Leben noch unvorstellbar viel fehlt! Doch ist das wirklich so?
Johann Wolfgang von Goethe hat in seiner Tragödie „Faust“ zum Ausdruck gebracht, was dem Menschen droht, der den Sinn des Lebens in Büchern, an Universitäten oder im Studierzimmer sucht. So beginnt der „Faust 1“ mit den Worten:
„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor…“

Dazu muß man wissen, daß Goethe den „Faust 1“ mit Mitte Zwanzig geschrieben hat – als junger „Lebensstudent“ sozusagen. Und doch war ihm bereits bewußt, daß der wahre Sinn des Lebens im Studierzimmer nicht zu finden ist. Im Gegenteil! Je mehr wir die Wahrheit in den Gedanken und Schlußfolgerungen „anderer Leute“ suchen (nichts anderes ist Philosophie, Theologie, etc.), desto mehr entfernen wir uns von uns selbst. Oder wie es Goethe ausdrückte:
„Ich fühl´s, vergebens hab ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft
Und wenn ich mich am Ende niedersetze
Quillt innerlich doch keine Kraft
Ich bin nicht um ein Haarbreit höher
Bin dem Unendlichen nicht näher … “

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis
Den „Faust 2“ schrieb Goethe fast 60 Jahre später, als über 80jähriger. Inzwischen hatte der Bücherwurm sein Studierzimmer verlassen. Er hatte andere Länder bereist, mit „realen“ Menschen zusammengelebt und all das theoretisch Erlernte in der Praxis ausprobiert. Das meiste hatte sich jedoch als völlig nutzlos und nicht „realitätskompatibel“ erwiesen. Denn letztlich geht es im Leben nicht nur um das „theoretische, universelle Wissen“, sondern vor allem um die „individuelle Glücksformel“. Jeder muß für sich selbst herausfinden, was er benötigt, um in seinem Leben glücklich zu werden. Und Bücherwürmer sind selten glückliche Menschen, da sie ständig in „fremden Welten“ leben.
So war die Quintessenz von Goethes Sinnsuche, daß „alles Vergängliche letztlich nur ein Gleichnis ist“. Daß „die Welt“ uns zwar komplex und interpretierbar erscheint, wir Menschen uns jedoch alle weit mehr ähneln, als wir vielleicht glauben. Und daß wir den wahren Sinn des Lebens nicht in Büchern finden, sondern einzig und allein im „Er-leben“.
Daher lohnt es auch nicht, danach zu streben, theoretisch, philosophisch, theologisch, juristisch, physikalisch, chemisch, etc. „alles“ zu wissen, also unendlich viele Theorien (Gleichnisse) zu studieren und auswendig zu lernen, sondern der inneren Sehnsucht zu folgen. Und diese innere Sehnsucht strebt nach „einfachen Wegen“!

Was suchen wir?

Auch Abd-ru-shin (1875-1941), der Verfasser der  „Gralsbotschaft – Im Lichte der Wahrheit“, fragte seine Leser bereits vor nahezu einhundert Jahren: „Was sucht ihr? Sagt, was soll das ungestüme Drängen? (-) Seht euch die unzähligen Bücher an: Der Menschengeist wird durch sie nur ermüdet, nicht belebt! (-) Hört es, Verzagende! Schaut auf, ihr ernsthaft Suchenden: Der Weg zum Höchsten liegt bereit vor jedem Menschen! Gelehrsamkeit ist nicht das Tor dazu! (-) Wer in sich festes Wollen zu dem Guten trägt und sich bemüht, seinen Gedanken Reinheit zu verleihen, der hat den Weg zum Höchsten schon gefunden!“
In unserer verstandesgeprägten Welt leben wir immer noch in der Illusion: Wer theoretisch viel weiß, ist der Wahrheit näher. Wer viel gelesen hat und dies entsprechend überzeugend wiedergeben kann, ist ein „Weiser“. Doch ist das wirklich so?
Von Jesus Christus wird der einfache Satz überliefert: „An ihren Werken werdet ihr sie erkennen“, also an ihrem Wirken. Ob ein Mensch also tatsächlich weise und der „Wahrheit“ nahe ist, erkennen wir nicht an komplizierten Erklärungen und Lebensphilosophien, sondern daran, ob ein solcher Mensch dies auch in die Praxis umsetzen kann. Ob das, was er „predigt“, ihn selbst glücklich macht.

Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst
Was macht uns glücklich? Sind es tatsächlich die komplexen, komplizierten „Wahrheiten“, die wir in Universitätssälen und in den zahllosen philosophischen „Meisterwerken“ finden? Oder ist im Grunde doch alles viel einfacher? Müssen wir wirklich ein Leben lang studieren, um in den Büchern die „Erleuchtung“ zu finden, oder dürfen wir „endlich wieder werden wie die Kinder“ und uns einfach des Lebens erfreuen?
Entwicklung vollzieht sich immer schrittweise. Auch der junge Goethe mußte zuerst einmal hinaus in die Welt, um zu erkennen, daß das, was er suchte, immer schon in seiner Nähe war. Erst durch das „Verlernen“ alles theoretisch Gelernten fand er die Einfachheit.
Ja, alles Vergängliche ist eben nur ein Gleichnis: Zur selben Zeit, als ich mich vor 30 Jahren an der Universität in Stuttgart für die große Welt der Philosophie interessierte, hatte mir eine Freundin das kleine Büchlein „DER ERLEUCHTUNG IST ES EGAL, WIE DU SIE ERLANGST“ von Thaddäus Golas geschenkt. Ich habe es seinerzeit müde lächelnd in irgendein Regal gestellt, weil – nach meiner damaligen Vorstellung – auf „so wenigen Seiten“ (93) unmöglich etwas so Komplexes wie der Sinn des Lebens beschrieben sein konnte. Dazu brauchte es Bibliotheken, vieltausendseitige Meisterwerke in schwer verständlichen Sprachen und exotischen Hieroglyphen …
Heute, 30 Jahre danach, ist es mir wieder in die Hände gefallen. Und nachdem ich das „faustische Leben“ inzwischen ebenso satt habe wie einst der junge Goethe und die Sehnsucht nach „Einfachheit“ immer größer wird, hat mich das Büchlein diesmal tief berührt. Daher möchte ich ein paar Sätze daraus zitieren – ohne zu behaupten, irgendjemand müßte diese einfachen Sätze zu „seiner individuellen“ Glücksformeln erheben:

„Was mußt du tun, um erleuchtet zu werden? – Es gibt nichts, was du zuerst tun müßtest. Alle möglichen Erfahrungen sind schon in dir angelegt. Du kannst dich ihnen jederzeit öffnen, augenblicklich und sofort, indem du einfach da bist. (-) Alle Bewußtseinszustände sind hier und jetzt zugänglich. (-) Wir sind alle gleichwertige Wesen, und das Universum besteht aus unseren gegenseitigen Beziehungen. (-) Und das ist alles, was wir zu tun haben: Volle, akzeptierende und gewährende, liebevolle Aufmerksamkeit absolut allem schenken, was wir in unserem Geist, in unserem Körper, in unserer Umgebung und in anderen Menschen sehen. (-)
Was du auch immer tust, liebe dich dafür, daß du es tust. Was du auch immer denkst, liebe dich dafür, daß du es denkst. Liebe ist die einzige Dimension, die verändert werden muß. Es gibt nichts Wichtigeres auf Erden als die Liebe, die bewußte Wesen füreinander fühlen, gleichgültig, ob sie je ausgedrückt wird oder nicht. (-) Liebe, so viel du kannst, von da aus, wo du auch immer sein magst. (-) Liebe es so, wie es ist. (-) Liebe dich selbst.“

Natürlich könnte man diesen einfachen Worten nun wieder 400.000 Seiten Theorie hinzufügen, um zu erklären, was „Liebe“ ist – theoretisch, philosophisch, physikalisch, diplomatisch … Doch wozu? Nichts kann das ersetzen, wonach unsere Sehnsucht strebt und worum es von ganzem Herzen geht: Um Liebe und um Einfachheit! Und der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst.

Autor: Michael Hoppe

Ausgabe Winter 2014