Frieden! Was hat ein Sandmandala mit Frieden zu tun?

Vom 20. Juli bis 26. Oktober 2019 war die Ausstellung „Schätze aus dem Himalaja – Mandala zeitloser Weisheit“ – im Hällisch Fränkischen Museum in Schwäbisch Hall zu bestaunen. Zu sehen waren Thankas, (Rollbilder), Mandalas, Masken und Statuen. Gleich zu Beginn wurde von dem tibetischen Mönch Lama Tendar ein Sandmandala gestreut. Am Ende der Ausstellung wurde dieses Mandala als Zeichen der Vergänglichkeit sichtbarer Formen wieder „aufgelöst“. Danach wurde der Sand in den Kocher gestreut.

Was hat nun dieses Sandmandala mit Frieden zu tun? Im Grunde ist es eine uralte Geschichte, die die gesamte Menschheit betrifft. Wollen wir nicht alle Frieden? Nicht nur im Kleinen, sondern groß gedacht: Weltfrieden? Aber wo finde ich Frieden? Und wäre so ein Frieden überhaupt möglich? Im Sanskrit und Pali, den ältesten Sprachen der Welt, wird das Wort Ahimsa genannt, was Gewaltlosigkeit, nicht verletzen, nicht töten – auch nicht in Gedanken, Worten und Taten – bedeutet. Diese Gebote kennen wir auch aus der Bibel, und wohl alle Religionen der Welt sprechen davon.

Aber befolgen wir diese alten Weisheiten?

Leben wir friedlich? Nicht nur in unserem kleinen überschaubaren, sauberen Umfeld, sondern auch global? Sind wir doch nahe daran, unsere Erde in eine Hölle zu verwandeln. Wir zerstören, rauben, morden. Es herrscht Gewalt, Gier und Haß, was wiederum in Verbrechen, Vernichtung und Kriege mündet.

Aber ein Mann und auch sein Volk erinnern uns daran, daß dauerhafter Frieden möglich wäre, wenn wir uns endlich selbst erkennen würden. Erkennen würden, daß wir es sind, die den nachfolgenden Generationen ein empathisches Miteinander oder eine zerstörte Welt hinterlassen können.
Diesem Mann, dem 14. Dalai Lama, wurde im Jahr 1989 der Friedensnobelpreis verliehen. Ebenso gründeten in diesem Jahr Petra Kelly und Gerd Bastian die Tibet Initiative Deutschland e.V., die sich dafür einsetzt, daß Tibet nicht vergessen wird und alle Tibeter in ihrem Drang nach Freiheit und Frieden unterstützt.

Das Schicksal Tibets

Tibet wurde 1950 von den Chinesen besetzt. 1959 konnte der Dalai Lama fliehen, und lebt seitdem im Exil in Dharamsala, im Norden Indiens. Kein Land der Welt anerkennt Tibet als eigenen Staat.

Tibet hat keinen Sitz bei den Vereinten Nationen. Seit 60 Jahren ist es ein Flüchtlingsland – denn die Tibeter selbst haben in ihrem Land keine Rechte.

Seit der Besetzung Tibets durch die Chinesen wurden über 1,2 Millionen Tibeter getötet, an die 6.000 existierende Klöster zerstört. Ebenso begann ein katastrophaler Raubbau an allen Ressourcen, an Natur, Wasser- und Bodenschätzen. Menschenrechtsverstöße, Enteignungen, Zwangsumsiedlungen, patriotische Umerziehungsmaßnahmen, Verhaftungen und Folter sind bis heute an der Tagesordnung. In der Hauptstadt Lhasa sind bereits 2/3 der Bevölkerung Chinesen.
Tibeter werden gewaltsam daran gehindert, ihren Glauben, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Identität zu leben. Es gibt keine Rechtssicherheit, keine Presse- oder Meinungsfreiheit, kaum medizinische Versorgung, dafür Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisation, konstante Überwachung, Repressalien. Unvorstellbar!

Und dennoch mahnt der Dalai Lama sein Volk und die gesamten Welt: bleibt friedlich!

Der tiefe Sinn eines Sandmandalas

Wahren Frieden zu leben beginnt mit Einsicht, Akzeptanz, Wertschätzung und Respekt und mündet in Anteilnahme, Mitgefühl und Altruismus. Ein Friedensmandala soll diesen Prozeß abbilden.
Das Wort Mandala aus dem indischen Sanskrit bedeutet: Zentrum und Umgebung. Wir und jedes andere Individuum sind zentraler Handlungspunkt. Die vielen Kreise, Farben und Formen stellen unsere Mitmenschen, unser Miteinander, unsere Umwelt dar. „Erkenne die Vielfalt unter der Einheit“, ruft es uns zu. Jedes einzelne Sandkorn enthält alle Informationen des Entstehens und Vergehens. Es ist die Quintessenz des gesamten Universums. Es läßt uns erahnen, daß Mikrokosmos und Makrokosmos Eins sind.

Daher werden wir in jedem Mandala die 5 Farben, die 5 Elemente antreffen, die diese Welt zusammenhalten: Blau für den Raum, Rot für das Feuer, Gelb für die Erde, Grün für die Luft und Weiß für das Wasser.

Die Natur und wir Menschen benötigen alle Erde, auf der wir wachsen und gedeihen. Wir benötigen Feuer, die richtige Temperatur, die Sonne. Dazu frische Luft und reines Wasser, um überhaupt hier auf diesem Globus existieren zu können. Der Raum, die Farbe Blau, bezieht sich auf unser Bewußtsein. Und wir haben eine Seele und entspringen alle dem selben „Weisheits-Keim“, genau wie das einzelne Sandkorn auf dem fertigen Mandala.

Wir alle stehen in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander. Nichts und keiner von uns existiert aus sich selbst heraus. Eins bedingt das Andere. So entsteht das gesamte Bild, aussagekräftig, in Harmonie, in Frieden, Zueinander, Miteinander; alle Elemente in geometrisch angelegter Ästhetik, in makro- und mikrokosmischer Ordnung.

Alles ist vergänglich und doch ewig

Die Auflösung eines Sandmandalas erinnert uns an die Vergänglichkeit aller Dinge, aller Momente, aller Ereignisse. Auch an unsere eigene Vergänglichkeit, an das Sterben, den Tod. Nichts, kein Ding, kein Wesen bleibt konstant oder beständig. Das Auflösen – mit einem Besen einfach über den Sand fahren und ihn dann zusammenzuwischen – zeigt ebenso den natürlichen Rhythmus des Sterbens und die Elemente, die in uns erlöschen.

Der Besen fährt über die Farbe Rot: Unser Feuer, die Körpertemperatur, beginnt zu sinken, wir erkalten.

Der Besen fährt über die Farbe Gelb: Das Element Erde stellt seine Tätigkeit ein und mit ihm unsere Organe .

Der Besen fährt über die Farbe Grün: Wir alle werden irgendwann ein letztes Mal ausatmen – der letzte Atemzug. Die Luft, die uns allen Leben schenkt, entweicht.

Der Besen fährt über die Farbe Weiß: Der starre Körper hat innerlich noch Flüssigkeit, Wasser, welches aber nicht mehr fließt und auch mit der Zeit verdampft. Wir welken und lösen uns auf.
Diese Vergänglichkeit zu reflektieren, zu meditieren, läßt uns demütig werden. Wir beginnen, die einzelnen Elemente und das Leben selbst wieder mehr wertzuschätzen, Zufriedenheit stellt sich ein. Und mit dieser Zufriedenheit auch der Frieden, den wir von Beginn aller Zeit schon in uns tragen, der immer schon war und immer sein wird.

Dieser „Keim Weisheit“ der in uns angelegt ist, reflektiert die Farbe Blau. Dieses Element stirbt nicht wie unser Körper. Denn Blau, der Raum, die Seele, das Bewußtsein, gibt allen weiteren Elementen, der Natur, den Menschen und allen fühlenden Wesen, wiederum die Plattform für weitere Existenz.

Autorin:
Barbara Bräuer

Wer mehr über das Thema Säkulare Ethik oder über die Tibet Initiative erfahren möchte, findet weitere Informationen unter:
www.bb-yoga.de