Interview mit dem Finanzexperten und „Mr. Dax“ Dirk Müller

Es ist perfide, wie man uns eine heile Welt vorspielt – Gespräch mit Dirk Müller

Dirk Müller ist seit vielen Jahren das Gesicht der Börse. Kompetent und charismatisch versteht er es, das Börsenlatein so zu übersetzen, daß es auch Normalsterbliche begreifen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht Klartext. Für den NATURSCHECK beantwortet er regelmäßig Fragen unserer Leser zu den Themen Politik, Wirtschaft und Finanzen.


Lieber Herr Müller, ich gebe zu, daß ich seit unserem letzten Gespräch vor drei Monaten etwas die Übersicht verloren habe, was weltpolitisch abläuft. Quasi im Minutentakt gehen Nachrichten ein, die sich mit Themen wie dem Dieselfahrverbot, den Gelbwesten in Paris, dem Brexitchaos in London oder dem wochenlangen Shutdown in den USA befassen. Wer soll da noch durchblicken? Da auch Sie sich mit all diesen Themen auseinandersetzen, werfe ich einfach ein paar Zuschauerfragen in den Raum:

Ich fahre seit 30 Jahren Diesel. Jahrzehntelang hat man uns gepredigt, Fahrzeuge zu kaufen, die wenig konsumieren, länger halten und daher etwas teurer sind, auch steuerlich. Nun werden Grenzwerte aus dem Hut gezaubert, die viele Mediziner stark anzweifeln. Und plötzlich ist das Richtige falsch, jeder Dieselfahrer ein Sünder und sein teures Auto nichts mehr wert! Was sagen Sie dazu?

Dirk Müller: Es ist schon beeindruckend! Man muß sich nur vorstellen: Es gibt kein anderes Land auf diesem Planeten, das so abhängig ist vom Verbrennungsmotor und vom Automobil wie Deutschland. Wir haben das Ding erfunden, und wir waren über Jahrzehnte stolz darauf. Zudem ist das Auto die absolute Wirbelsäule unserer Wirtschaft, von der zahlreiche andere Industriezweige und natürlich auch hunderttausende von Arbeitsplätzen abhängig sind.

Und obwohl wir uns diese Kernkompetenz hart erarbeitet haben, gehen wir nun dagegen vor wie kein anderes Land der Welt. Wir treten uns mit einer solchen Freude selbst zwischen die Beine, daß man sich nur verwundert die Augen reiben kann. Das ist entweder völlige Dummheit oder die Lust an der Selbstzerstörung. Oder irgendein „Kadavergehorsam“ irgendwelchen Dritten gegenüber. Ich weiß es nicht. Man kann es nicht mit gesundem Menschenverstand nachvollziehen, wie wir hier das Rückenmark unserer Wirtschaft und unseres Wohlstandes kaputtmachen.

Interessant dabei ist, daß die Automobilindustrie über Jahrzehnte eine der wichtigsten Lobbygruppen Europas war und daß diese Lobby nun offensichtlich nicht mehr die Kraft hat, ihre eigenen Interessen zu schützen. Andere sind da wohl inzwischen mächtiger. Und es würde mich selbst interessieren, wer ein solch großes Interesse daran hat, diese Industrie in Grund und Boden zu stampfen.

Angeblich geht es ja um das Weltklima und die Rettung des Planeten. Und natürlich um die Gesundheit der Menschen, die – so eine aktuelle Studie – in der Stadt ein kürzeres Leben haben als die Landbevölkerung. Und das soll nun an der Feinstaubbelastung liegen? Was aber ist mit Fastfood, Lärmbelästigung, Elektrosmog, etc.?

Dirk Müller: Die Politik hat über viele Jahre die Entwicklung im Bereich Mobilität verschlafen. Bevor wir jedoch Versäumtes über Nacht nachholen und solch drastische Maßnahmen ergreifen wie ein Dieselverbot, sollte es zuerst einmal vernünftige Alternativen geben. Denn die aus dem Verkehr gezogenen Dieselfahrzeuge werden ja nicht etwa verschrottet, sondern fahren dann in unseren Nachbarländern weiter wie gehabt. Der Verlierer ist einzig und allein der deutsche Autobesitzer.

Und ob das Elektroauto wirklich die Lösung für die Zukunft sein wird, ist ebenfalls zu bezweifeln. Ich befasse mich seit einiger Zeit mit dem Thema Elektrosmog, wo ja heute schon sehr gesundheitsschädliche Dinge im Gange sind, wie etwa die Strahlungen im Niederfrequenzbereich etc. Und wenn ich mir dann vorstelle, welchen Emissionen wir in den Elektroautos ausgesetzt sind, dann weiß ich nicht, ob eine Dieselwolke derzeit nicht die geringere Gefahr darstellt. (lacht)

Nicht nur die Meßmethoden sind umstritten, wenn etwa direkt an vielbefahrenen Kreuzungen gemessen wird. Auch die Grenzwerte werden von vielen Medizinern kritisiert. Ein einziger Zug an einer Zigarette soll ja den Feinstaubgrenzwert um das Zehntausendfache übersteigen. Doch das Dieselfahrverbot ist nun da, erste Dieselfahrer gehen für ihr Auto auf die Straße, und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ruft zum juristischen Widerstand gegen städtische Dieselfahrverbote auf. Einmal mehr totales politisches Chaos?

Dirk Müller: So ist es. (lacht) Eine echte Komödie! Schauen wir einmal, wie sich das Ganze weiterentwickelt.

Auch in Großbritannien blickt kaum noch einer durch. Regierung und Bevölkerung sind tief gespalten, was den Brexit angeht. Viele ehemalige Brexit-Befürworter würden den beschlossenen EU-Austritt gerne wieder rückgängig machen. Wie ist Ihre aktuelle Einschätzung der Lage?

Dirk Müller: Eigentlich genau so, wie ich es von Anfang an gesehen habe. Großbritannien käme ohne Europa wunderbar klar und auch umgekehrt. Hätte man eine schnelle Entscheidung getroffen und diese auch umgesetzt, dann wäre die Kuh längst vom Eis. Die Unternehmen, die Banken und die Verbraucher hätten sich darauf eingestellt und sich mit den neuen Gegebenheiten arrangiert.

Da wir nun aber schon im dritten Jahr diskutieren, heißt das, daß für alle Gruppierungen eine völlige Unsicherheit herrscht. Keiner weiß, wie es weitergeht, und Investitionen werden massiv zurückgefahren. So lange ich als Unternehmer nicht weiß, wie die neuen Gesetze aussehen werden, kann ich auch nicht investieren. Ich kann auch als Arbeitnehmer kein Haus kaufen oder andere langfristige Planungen umsetzen. Diese Unsicherheit ist also das größte Problem, und die wird mit einer beeindruckenden Sturheit aufrechterhalten.

Aber vielleicht könnte man das ganze Thema auch aus einer anderen Sicht betrachten. Einige Wirtschafts- und Finanzexperten behaupten, Großbritannien verlasse gerade die sinkende Titanic EU, der eine der größten Wirtschaftskrisen der Geschichte droht. Man muß sich nur unsere schwächelnde Autoindustrie anschauen oder die Deutsche Bank, die sich einer mehrere hundert Milliarden großen Derivateblase gegenübersieht. Und wenn die mal platzt, hat das Konsequenzen für die vielen Sparer im Land und für das gesamte Bankensystem. Wir sehen einen Konzern Bayer, der freiwillig die Giftpille Monsanto frißt. Wir sehen italienische Banken am Anschlag. Und vieles andere mehr.

Man kann sich vorstellen, was in Europa los ist, wenn wir in eine Rezession rutschen – auch angesichts des enormen Migrationsdrucks. Vielleicht haben die Briten nur rechtzeitig das Beiboot bestiegen. Und wir schauen ihnen beim Rudern zu, lachen sie aus und merken dabei gar nicht, daß die sich retten, während wir mit Vollgas auf einen Eisberg zulaufen.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Aber wie Sie sagen: Es ist eine theoretische Möglichkeit, und in ein paar Jahren wissen wir mehr! Eine weitere Leserfrage zum Thema Europa: Viele Franzosen machen seit Monaten gegen Präsident Macron mobil und möchten politische Veränderungen – obwohl in keinem anderen Land der EU der Mindestlohn so hoch ist und die sozialen Leistungen so vielfältig sind. Warum sind die Franzosen nicht zufrieden mit ihrem Präsidenten?

Dirk Müller: Das hat in Frankreich verschiedene Gründe. Man war jahrzehntelang eher arbeitnehmer- als arbeitgeberfreundlich, was man den Politikern auch vorgeworfen hat. Nun versucht Macron, ein bißchen den Gerhard Schröder zu machen und die Rechte der Arbeitnehmer zu beschneiden. Die Franzosen sind es gewohnt, sich so etwas nicht gefallen zu lassen. Also gehen sie auf die Straße.

Frankreichs Probleme sind jedoch sehr vielschichtig. Zum einen sind sie wirtschaftlicher Natur, zum anderen kämpft man mit enormen Migrationsproblemen. Doch auch hier muß man sich wie immer die Frage stellen: Wem nützt dieser Protest eigentlich? Wer hält den Druck dieser Gelbwesten-Bewegung aufrecht? Wer finanziert das? Und wie kommt es, daß alles so gut organisiert abläuft?

Und plötzlich taucht die Gegenpartei auf mit den roten Schals. Das ist ja schon fast bürgerkriegsähnlich: Da werden Zivilisten mit Uniformen ausgestattet und gegeneinander auf die Straße gehetzt, in diesem Fall die Gelben gegen die Roten. Das war seinerzeit in Nordafrika so und auch vor einigen Jahren beim arabischen Frühling, daß mächtige Interessengruppen das Volk mobilisieren und instrumentalisieren und die Menschen gegeneinander aufhetzen. Jede Revolution wird auf diese Art und Weise geführt, indem man die Menschen bei ihren Gefühlen packt.

Wenn das Ziel dann erreicht ist, wie zum Beispiel ein Regierungswechsel, läßt man die Protestierenden meist fallen. Siehe Ägypten! Viele landen dann in den Gefängnissen. Also sollte man sich immer die Frage stellen: Ist das wirklich eine Bürgerbewegung? Oder welche anderen Interessen stehen dahinter?

Auch Sarah Wagenknecht ruft die eher angepaßten Deutschen inzwischen zum „Aufstehen“ auf. Allerdings mit eher mäßigem Erfolg.

Dirk Müller: Da sehen Sie den Unterschied: Sarah Wagenknecht versucht seit Wochen, die Menschen zu mobilisieren, doch ist die Bewegung noch immer sehr klein. Da stehen anscheinend keine Großgruppierungen dahinter mit entsprechenden Summen und Geldern. Auch die Medien berichten wenig. Und das, obwohl viele Menschen auch bei uns die Schnauze voll haben.

Eine weitere Leserfrage: Deutschland war und ist eine globale Wirtschaftsmacht. Einige Experten behaupten jedoch, daß wir den Bogen inzwischen überspannt und die wichtigsten Entwicklungen verschlafen hätten. Wie sehen Sie das?

Dirk Müller: Genau so! Wir machen uns selbst kaputt! Wir haben es ja vorher schon erwähnt, vom Auto über die Banken bis zu Bayer. Da muß man sich schon fragen, welche Industrie man noch ernstnehmen kann. Von den einstigen Aushängeschildern wie AEG, Grundig oder Miele ist wenig übriggeblieben. Die deutsche Autoindustrie steckt in der größten Krise ihrer Geschichte. Amerikanische oder chinesische Firmen agieren da ganz anders und bekommen Unterstützung vom Staat. Das ist ein wichtiger Marktfaktor. Die deutschen Unternehmen haben diese Unterstützung nicht – ganz im Gegenteil! Die haben Gegenwind und bekommen das Leben an allen Ecken und Enden schwergemacht.

Wir haben ja schon mehrfach darüber gesprochen, daß es Querdenker hierzulande schwer haben. Und daß man unter Umständen in keine Talkshow mehr eingeladen wird, wenn man sich nicht anpaßt. Und doch setzt sich Qualität immer wieder durch. Ich habe gerade gelesen, daß Ihr Premium-Aktienfonds den „Fund Award 2019“ gewonnen hat. Was ist der „Fund Award“? Und warum hat Ihr Fonds diese Auszeichnung bekommen?

Dirk Müller: Das ist die Auszeichnung als bester deutscher Fonds mit internationaler Ausrichtung. Und da haben wir 2018 erfolgreicher abgeschnitten als alle anderen deutschen Fonds. Dafür gab es diese Auszeichnung von „Börse-Online“, „€uro“ und „€uro am Sonntag“. Bewertet wurde die gute Aktienauswahl, die Absicherungsstrategie und die Rendite, die 2018 bei + 9,7 % lag. Während der gesamte Markt zur selben Zeit 6,3 % Minus gemacht hat.
Umso mehr freue ich mich, da es ja eine sehr negative Presseberichterstattung gab. Den Medien bin ich wohl ein Dorn im Auge. (lacht) Und selbst jetzt, wo der Fonds als bester Fonds Deutschlands ausgezeichnet wurde, schaffen sie es wieder, auch dies noch ins Negative zu drehen. Da muß man schon sagen: die Jungs verlieren langsam ihre Reputation und jede Basis, sie noch ernstzunehmen. (allgemeines Lachen)

Ein kluger Mann sagte einmal: Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man darüber lachen. Es fällt tatsächlich immer schwerer, das mediale und politische Geschehen noch ernstzunehmen.

Dirk Müller: So ist es. Gestern habe ich mir den Film „Thank You for Calling“ angeschaut, bei dem es um die Strahlungsthematik beim Mobilfunk geht. Und um die damit verbundenen Konsequenzen wie Gehirntumore etc. Es ist schon grotesk, daß bereits seit den 1990er Jahren in der Industrie bekannt ist, wie gefährlich Handystrahlung ist und mit welchen Summen und Maßnahmen man versucht, dieses Thema niedrig zu halten. Und die Politik mischt munter mit.

Es ist perfide und widerwärtig, wie wir jeden Tag „verarscht“ werden und man uns eine heile Welt vorspielt. Wir denken, alles sei demokratisch und im Sinne der Bürger. Und wer daran zweifelt, wird als Idiot hingestellt. Das tut manchmal schon körperlich weh …

Sie sagen es. Ich erinnere mich noch an einen TV-Beitrag Ende der 1990er, in welchem namhafte Ärzte prognostizierten, daß sich die Zahl der Gehirntumore durch das Mobiltelefonieren im nächsten Jahrzehnt mindestens verdoppeln wird. Als Konsequenz schlug die Politik vor, die Zahl der Studienplätze für zukünftige Gehirnchirurgen ebenfalls zu verdoppeln. Was für eine verrückte Welt! Anstatt das eigentliche Problem zu lösen, bildet man Ärzte aus, die die Geschädigten „reparieren“ sollen.
Da wir unser Gespräch aber – wie immer – mit einem positiven Gefühl beenden möchten, meine letzten Fragen. Wir haben gerade drei turbulente Monate erlebt. Was war für Sie die Quintessenz? Und was könnte und dürfte noch besser werden?

Dirk Müller: Zuerst einmal ist es so, daß man sich gerne positiv überraschen läßt. Was die Weltwirtschaft angeht, so könnte dies geschehen, wenn sich z.B. die Amerikaner und die Chinesen plötzlich einigen oder zurückrudern und auf Einfuhrzölle verzichten. Dann hätten wir hier explodierende Märkte. Aber man weiß auch nicht, welcher Dominostein in China durch den Handelskrieg bereits umgeschubst wurde. Das würde dann eine Kettenreaktion auslösen.
Die aktuelle Situation ist also durchaus kritisch einzuschätzen, hat aber Raum für Überraschungspotential. Doch was auch immer passiert, das Leben geht weiter. Die Menschheit geht immer einen Schritt vor und einen zurück. Das ist der Lauf der Dinge, und da muß man eben durch.

Lieber Herr Müller, ganz herzlichen Dank für das interessante und wieder sehr offene Gespräch. Wir freuen uns schon auf das nächste Mal!

Das Interview führte: Michael Hoppe

Buchtipp:
Machtbeben
Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-20489-8

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