Jeder Angriff ist eigentlich eine Bitte um Umarmung – Interview mit dem Aikidomeister Karl Grunick

„Die „Innere Kampfkunst“ Aikido wirkt durch die Kraft der Energielenkung und nicht durch Muskelkraft. Und sie wirkt durch die Kraft der Empfindung.“ Der so spricht, ist eine weltweit anerkannte Koryphäe in zahlreichen Kampfkünsten und hat vor allem durch Videos auf sich aufmerksam gemacht, die zeigen, wie er Angreifer ohne direkten Körperkontakt abwehrt. Was so spielerisch leicht aussieht, ist das Resultat aus jahrelangem Training – und aus Selbsterkenntnis! Im NATURSCHECK-Interview erzählte uns Karl Grunick, was das K.I. in Ai-„ki“-do wirklich bedeutet und warum wir endlich wieder zu uns selbst finden müssen.

Karl Grunick ist Jahrgang 1963, verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte Anglistik und Musikpädagogik und praktiziert seit 40 Jahren die unterschiedlichsten Kampf- und Energiekünste. 1993 entwickelte er sein eigenes K.I. (KörperIntelligenz) Training, das er seitdem erfolgreich lehrt. Eines vorab: Das, was Karl Grunick tut, läßt sich „eigentlich“ nicht in Worte fassen – man muß es erleben. Hier dennoch ein theoretischer Erklärungsversuch:

Lieber Herr Grunick, sowohl in den bekannten Videos als auch heute live bei Ihrem Workshop fielen „Angreifer“ reihenweise um, obwohl sie diese körperlich nicht berührt haben. Funktioniert diese Technik grundsätzlich oder nur bei bestimmten Menschen?

Karl Grunick: „Grundsätzlich“ ist ein guter Begriff, denn grundsätzlich bedeutet: „Ja, aber“. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber wenn die äußeren Gegebenheiten zusammenpassen, dann funktioniert es zu 100 %. Wenn also ein wirklicher Kontakt entsteht! Kontakt bedeutet, wenn sich zwei Aufmerksamkeiten begegnen. Dadurch wird eine Art Brücke aufgebaut, über die etwas fließt – man könnte es Energie nennen. Sobald jemand etwas auf mich kanalisiert, entsteht diese Brücke. Und wenn ich das wahrnehme, kann ich diese Energie lenken.

Das ist, wie wenn ich merke: da fährt ein Auto auf mich zu – und ab jetzt kann ich ausweichen. Der Unterschied liegt darin, daß ich das Auto sehen kann. Die energetische Brücke sehe ich nicht. Aber ich kann lernen, sie wahrzunehmen. Darum ist das Ziel all meiner Seminare, die Wahrnehmung zu erweitern. Das hilft dann auch im Alltagsleben. Denn eine erweiterte Wahrnehmung und eine erweiterte Aufmerksamkeit haben einen radikalen Einfluß auf alles, was ich tue.

Das ethische Ziel der meisten asiatischen Kampfsportarten ist ja, diese so gut zu beherrschen, daß man sie „im wahren Leben“ nicht mehr einsetzen muß. Denn wenn ich weiß, daß ich meinem Gegner weit überlegen bin, brauche ich nichts mehr zu beweisen …

Karl Grunick: (lacht) Sagen wir es einmal so: Die meisten, die Kampfsport betreiben und in eine reale Auseinandersetzung kommen, fallen auf die Nase! Weil es da draußen eben keine Regeln gibt, die sich der Kampfsportler teilweise über viele Jahre antrainiert hat. Viele Kampfkünste kommen aus Japan und sind ein Weg, um die Persönlichkeit zu schulen. Der Überbegriff heißt „Budo“. Und „Bu“ bedeutet – im wahrsten Sinne des Wortes – „aufhören zu kämpfen“. Denn ein Kampf endet nur, wenn ich aufhöre zu kämpfen.

Heute leben wir glücklicherweise nicht mehr in einer Umwelt, in welcher ich jeden Augenblick damit rechnen muß, physisch angegriffen zu werden. Dafür leben wir in einer Umwelt, in der jeder kämpft: gegen sich selbst, gegen seinen Beziehungspartner, gegen seinen Chef, usw. Immer ist Widerstand und Kampf da. Das schaukelt sich im Außen auf, wenn der innere Kampf nicht beendet wird.

Darum war eine meine ersten begrifflichen Umdeutungen im Bereich der „Selbstverteidigung“, daß ich mich „gegen mich selbst“ verteidigen muß – gegen das, was in mir kämpft. Schaffe ich das, und kehrt in mir Ruhe ein, spiegelt sich das auch im Außen. Die äußeren Angriffe nehmen ab. Wer mit sich selbst ganz im Reinen ist, der kann im Außen nicht mehr angegriffen werden. Das ist das Prinzip der Resonanz! Wohl kann es noch zu Angriffsversuchen kommen, z.B. verbal, doch das erreicht uns innerlich nicht mehr.

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Das Außen spiegelt uns immer unsere eigene innere Einstellung. Sie haben in Ihrem Seminar einen Weisheitssatz des Aikido-Gründers Ueshiba Morihei erwähnt, der mich sehr nachdenklich gemacht hat: „Jeder Angriff ist eigentlich eine Bitte um Umarmung.“ Die Band „DIE ÄRZTE“ nannte Aggression in einem ihrer Songs „Einen stummen Schrei nach Liebe“. Vor allem aggressive Kinder sind meist sehr „liebesbedürftig“. Natürlich können wir mit Gegenaggression antworten. Aber wohin führt das? Zu weiterem Kampf!

Karl Grunick: So ist es! Wie schon gesagt: Ein Kampf endet nur, wenn ich aufhöre zu kämpfen. Ein weiterer Weisheitssatz im Aikido ist: „Schließe deinen Angreifer in dein Herz!“ Angriffe kosten sehr viel Energie. Wenn ich keinen Widerstand leiste, sondern bei mir selbst bleibe, dann verpufft ein Großteil dieser Energie. Und ich kann lernen, diese Energie zu lenken.

Vor einigen Jahren haben Sie Ihr sogenanntes K.I.-Training entwickelt. Was ist darunter zu verstehen?

Karl Grunick: Die ursprüngliche Bedeutung leitet sich von dem japanischen „Ki“ ab! Im Chinesischen heißt sie „Chi“. Was für viele eine mystische Energie bezeichnet, die man aus dem Universum empfangen kann, die jedoch schwer zu erreichen sei. Obwohl dies teilweise auch in den Kampfkünsten so gelehrt wird, habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht – nämlich, daß uns diese Energie immer und überall zur Verfügung steht. Wir müssen nur wieder lernen, zuzugreifen. Und wie das gelingt, vermittle ich meinen Seminarteilnehmern.

So wurde aus dem Ki in der Kampfkunst das K.I., das für mich für die „KörperIntelligenz“ steht. Denn wir haben alle eine Art innere Weisheit mitgebracht, die es uns erlaubt – wenn wir wieder Kontakt zu ihr bekommen – unser Erdendasein „sinn-erfüllt“ zu erleben. Nicht in dieser Schwere und Unannehmbarkeit, wie es die meisten derzeit draußen empfinden.

Das Besondere bei dieser Arbeit ist, daß ich sowohl vom Körperlichen in den spirituellen Bereich gelange – als auch umgekehrt. Und für mich ist eine Spiritualität, die den Körper nicht mitnimmt, eine verfehlte Spiritualität. Wir haben nicht mehr die Zeit, uns in den Himalaja zurückzuziehen, sondern müssen das Erlernte im täglichen Leben praktizieren.

Heute gibt es ja sehr viele Menschen, die mit „der Realität“ nicht mehr klarkommen. Man hätte gerne, daß alles anders sein sollte, als es ist.

Karl Grunick: Ja, und da wir selbst es sind, die diese Realität nach außen projizieren, kämpfen wir dann am Ende gegen uns selbst – den Schöpfer dieser Realität! Eigentlich hüte ich mich immer davor zu sagen, daß meine eigenen Erkenntnisse „allgemeine Wahrheiten“ seien. Es sind ja letztlich nur meine eigenen.

Und doch gibt es auch universelle Wahrheiten, die für jeden zutreffen. Und eine davon ist tatsächlich, daß wir alle im Grunde nur ein einziges Problem haben: nämlich, daß wir in jedem Moment irgendetwas anders haben wollen, als es der Moment uns präsentiert. Das führt zu all den inneren Konflikten.

In Ihrer Vita steht, Sie hätten eine harte Kindheit gehabt und in jungen Jahren krankheitsbedingt einen tiefen Transformationsprozeß durchlaufen, der sie dorthin geführt hat, wo sie heute sind.

Karl Grunick: Ich sehe es so, daß ich lange gegen mich selbst – im Innen und Außen – und sinnbildlich auch gegen Gott gekämpft habe. Und der hat dann irgendwann ziemlich deutlich angeklopft, um mir zu zeigen, daß Widerstand zwar kurzzeitig sehr erfüllend sein kann, aber auf Dauer in eine Sackgasse führt. Und so habe ich es immer wieder erlebt.

Irgendwann habe ich mich gefragt, ob die Dinge, die ich neu in mein Leben aufnehme, mich glücklicher machen oder nicht. Denn was die sogenannte „KörperIntelligenz“ angeht, empfinde ich das Wohlgefühl heute als guten Gradmesser. Je mehr ich in Verbindung zu mehr selbst bin, desto mehr Freude kommt in mein Leben. Und je mehr Freude ich wirklich empfinden kann, desto näher bin ich mir selbst.

Sie sind ja von Haus aus studierter Musiker. Sowohl die Musik als auch der Kampfsport verlangen neben Talent eine hohe Disziplin und sehr viel Selbstüberwindung …

Karl Grunick: … das kann ich nicht bestätigen. Natürlich habe ich als junger Mensch sehr viele Stunden mit meinem Instrument verbracht. Ich habe sie aber deshalb verbracht, weil es mir Spaß machte. Mich gefunden in der Musik habe ich aber erst dann, als ich Jahre später angefangen habe, keine Werk mehr nachzuspielen, sondern nur noch meine eigene Musik zu spielen und das, was aus mir herauskommt. Dadurch entstand Leichtigkeit.

Viele Menschen wenden sehr viel Mühe auf für eine Sache, die vielleicht nicht ganz ihrem Weg entspricht. Und Anstrengung und Disziplin führen auch nicht immer zum Erfolg. Doch wird uns von Kind auf beigebracht, daß wir uns anstrengen müssen, um etwas zu erreichen. Heute weiß ich, daß mich zu viel Anstrengung auch blockieren kann. Wenn ich dann die Anstrengung herausnehme, erreiche ich dieselben Ziele „mühelos“.

Das klingt nach Loslassen und Absichtslosigkeit. Jahrhundertelang hat man uns erzählt: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen – oder „verdienen“! Heute erkennen wir, daß Freude an der Sache sehr viel effektiver sein kann. Wenn Sie in Kurzform zusammenfassen müßten, was die Quintessenz Ihres K.I.-Trainings ist, wie würde dies lauten?

Karl Grunick: Worum es mir geht, ist, daß wir uns nicht mehr ablenken lassen und unser Glück im Außen suchen, sondern daß wir wieder in Kontakt mit uns selber kommen, uns selber spüren, uns selber wahrnehmen. Denn in unserer „KörperIntelligenz“ liegt die ganze Weisheit, wie wir leben müssen, damit uns unser Leben etwas zurückgibt. Die Außenwelt tut derzeit alles, um uns von dieser Erkenntnis abzulenken. Wenn wir jedoch zu uns selbst zurückkehren, können wir radikale Veränderungen erleben.

Lieber Herr Grunick, herzlichen Dank für dieses interessante und inspirierende Gespräch.

Das Interview führte Michael Hoppe

Weitere Informationen:
www.körperintelligenz.de