Konfliktbewältigung geht auch anders…

Ein äußerst interessantes Beispiel von Konfliktbewältigung bietet uns die traditionelle Kultur der südafrikanischen Babemba. Man staunt, wenn man erfährt, wie christlich inspiriert und psychologisch klug in diesem Volksstamm von jeher vorgegangen wird, wenn eines ihrer Stammesmitglieder in irgendeiner Form „schuldig“ wurde. Unsere angeblich so zivilisierte westliche Welt könnte viel von diesen einfachen Menschen lernen, bei denen das heilende Prinzip der Liebe noch aktiv gelebt wird.

Wenn ein Stammesmitglied der Babemba eine Verfehlung begangen hat, wird es auf den Dorfplatz geführt. Das Dorfmitglied wird nicht daran gehindert, wegzulaufen. Es setzt sich also freiwillig diesem „Versöhnungstribunal“ aus.

Alle im Dorf hören auf zu arbeiten und versammeln sich um den „Angeklagten“. Dann erinnert jedes Stammesmitglied – ganz gleich welchen Alters – die Person, die sich verfehlt hat, daran, was diese in ihrem Leben bereits Gutes getan hat. Wie es bei einem afrikanischen Palaver üblich ist, wird alles, woran man sich in Bezug auf diesen Menschen erinnern kann, in allen Einzelheiten dargelegt. All seine positiven Eigenschaften, seine guten Taten, seine Stärken und seine Güte werden dem „Angeklagten“ in Erinnerung gerufen. Alle, die den Kreis um ihn herum bilden, schildern diese Punkte in aller Ausführlichkeit.

Die positiven Geschichten über diese Person werden mit absoluter Ehrlichkeit und großer Liebe erzählt. Es ist niemandem erlaubt, seine Erfahrungen mit dem Schuldiggewordenen zu übertreiben. Alle wissen, daß sie nichts hinzuerfinden dürfen. Niemand ist bei dem, was er sagt, unehrlich oder sarkastisch. Es handelt sich schließlich um ein Zeremoniell, das man traditionell heilig hält.

Dieses wird so lange fortgeführt, bis jeder im Dorf mitgeteilt hat, wie sehr er diese Person als Mitglied der Gemeinschaft schätzt und ehrt. Darum kann dieser Vorgang auch mehrere Tage dauern. Am Ende wird der Kreis geöffnet, der Betreffende wieder in den Stamm aufgenommen und ein frohes Fest gefeiert.

Wir entdecken in dieser Zeremonie nur Vergebung und den Wunsch nach Integration. Alle Mitglieder des Stammes werden daran erinnert, daß durch Verzeihen die Möglichkeit gegeben wird, die Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft loszulassen. Der Mensch in der Mitte wird nicht länger als schlecht bewertet oder gar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Stattdessen wird er daran erinnert, wie viel Liebe, Güte, Größe und Stärke in ihm steckt, so daß er es doch gar nicht nötig habe, falsche und der ganzen Gemeinschaft schädliche Haltungen beizubehalten …

Was könnten wir Europäer doch von dieser Form der „Konfliktbewältigung“ lernen. Loben statt zu kritisieren. Lieben statt zu verurteilen. Und vergeben – statt den „Gefallenen“ für alle Zeiten zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Natürlich ließe sich ein solches Zeremoniell nicht eins zu eins auf unsere Gesellschaft übertragen, und es wäre auch nicht für jedes „Verbrechen“ angebracht – der Grundgedanke jedoch spricht für sich: Großzügigkeit versöhnt und schenkt dem „Schuldiggewordenen“ einen neuen Anfang. Kleinliches Abstrafen isoliert den Schuldigen und verhindert einen wirklichen Neubeginn.

Unsere Welt ist voller Konflikten. Und die alten Lösungsstrategien haben ausgedient, denn sie verstärken diese Konflikte nur. Umso mehr sollten wir nach neuen Wege suchen. Das „Versöhnungstribunal“ der Babemba könnte eine Inspiration sein, daß es auch anders geht.

Beginnen könnte man in der Familie oder im eigenen „Stamm“, also in der überschaubaren Gemeinschaft, in der wir den Großteil unseres Lebens verbringen. Diese neue Kultur der Liebe könnte etwas in uns zum Vorschein bringen, das seit Jahrtausenden – hinter den kalten Verstandesmauern eingekerkert – auf seine Befreiung wartet: den neuen Herzensmenschen! Ein Wesen, das die Welt nachhaltig verändern würde.
(Quelle u.a. Zeitschrift antonius)